Bruchköbeler Kurier, das wollen Sie wissen.

075841a55fa1e8e424964f5c8d9a963d.png

Und: Die digitale Dorflinde kommt

(Bruchköbel/jgd) – Die mit Spannung erwartete Aussprache über die neue KiTa-Gebührensatzung fiel am Dienstagabend im Haupt- und Finanzausschuss aus. Sie wurde auf die nächste Sitzung Ende November verschoben. Grund: Eigentlich hatte man sich erhofft, erfahrene Vertreter aus Nachbarkommunen (Nidderau, Maintal) in die Sitzung zu bekommen, die man zu deren sozial orientierten Gebührenmodellen hätte befragen können. Eine Vertreterin aus Maintal hatte aber wegen Krankheit abgesagt, und Nidderau hatte niemanden schicken wollen, so teilte es der Ausschuss-Vorsitzende Thomas Sliwka den versammelten Parlamentariern und Stadträten mit.

Etwas unschlüssig war man daraufhin, ob das Thema dennoch beraten werden soll, oder ob stattdessen eine Extrasitzung anberaumt werden sollte. Beratungsbedarf besteht unter anderem deswegen, weil eine vom Bürgermeister vorgelegte betriebswirtschaftliche Berechnung, sofern 1:1 umgesetzt, zu deutlichen Gebührensteigerungen bei den U3-Plätzen führen würde. Diese Aussicht hatte für einige Bauchschmerzen im Stadtparlament gesorgt. Darüber hinaus will die SPD auch noch eine soziale Berücksichtigung in den zukünftigen Gebührentabellen verankert sehen. Dafür könnte sie immerhin ihre Mitgliedschaft in der Koalition mit der CDU in die Waagschale werfen. Einige frühere Äußerungen von politischer Seite machen wahrscheinlich, dass es am Ende wohl zumindest auf eine Abmilderung der Gebührensätze hinauslaufen wird. Für die meisten KiTa-Nutzer mit Kindern ab 4 Jahren gilt aber seit August ohnehin, dass ihre Kinder 6 Stunden am Tag gebührenfrei in die KiTa gehen dürfen.

Ebenfalls noch einmal vertagt wurde die Befassung mit einem Antrag des BBB zur WLAN Versorgung. Der BBB will Bruchköbeler Standorte für öffentlich Freies WLAN einrichten lassen. Die Stadt Bruchköbel solle sich dazu an dem Landesprogramm „Digitale Dorflinde – WLAN-Förderung Hessen“ beteiligen. Der Magistrat solle der Stadtverordnetenversammlung ein Konzept mit bis zu zehn Hotspots vorschlagen und entsprechende Förderanträge an das Land Hessen stellen. Damit hatte der BBB in der Oktobersitzung der Stadtverordneten ein jüngst vom Land Hessen in Gang gebrachtes Programm aufgegriffen. Bürgermeister Maibach gab dazu in der gleichen Sitzung bekannt, dass seine Verwaltung bereits selbst auf das Programm des Landes aufmerksam geworden sei, und seit September am Thema dran ist, inzwischen die Kosten überschlagen habe und einen detaillierten Vorschlag schon bald der Versammlung zur Abstimmung vorstellen werde. Dann werde man auch die Förderbeträge des Landes beantragen. Dass der Antrag des BBB überhaupt noch einmal im Ausschuss zur Beratung landete, geschah damals seltsamerweise auf Antrag der CDU, der Partei des Bürgermeisters. CDU-Sprecher Thomas Sliwka wollte sich wohl nicht den Faux-Pas leisten und einen Antrag ablehnen, der zwar von der Konkurrenz stammt, aber inhaltlich im Einklang mit den bereits laufenden Aktivitäten des Bürgermeisters steht.

Flexibler Zeitgeist

Kommentar von Jürgen Dick

Der Antrag des BBB, im Stadtgebiet WLAN-Stationen zu installieren, kommt unter dem Titel „Digitale Dorflinde“ richtig schön romantisch daher. Die Vorstellung von einer „Digitalen Dorflinde“, um die herum sich die Bürger mit ihren Smartphones versammeln und traut im Internet miteinander kommunizieren, so wie sie es früher nach dem Kirchgang hielten, nur damals halt ohne Internet – diese Idee könnte glatt aus dem Ideenspeicher des Stadtmarketing stammen.

Aber wie rasch sich doch in unseren digitalen Zeiten der Zeitgeist wandelt! Noch vor 10 Jahren stand das Bruchköbeler Stadtparlament wie ein Mann gegen die angeblich gefährliche Strahlenbelastung durch den Mobilfunk auf. Man ließ damals ein 35.000 Euro teures „Mobilfunk-Standortkonzept“ erarbeiten, wollte die Mobilfunksender aus dem Stadtinneren verbannen. Zuvor hatten Behauptungen von angeblichen Krebserkrankungen und sogar hiesigen Todesfällen infolge Mobilfunk die Runde gemacht. Die Politik und der damalige Bürgermeister sahen sich damals beauftragt, die Bürger vor der neuen Technik schützen zu müssen. Die meisten Bürger scherte das allerdings eher wenig. Sie rüsteten in den Folgejahren ihre Wohnzimmer auf breiter Front mit strahlenden WLAN-Geräten aus. Manche der Politiker, die damals so vehement die Mobilfunksender verbannen wollten, sitzen noch heute im Stadtparlament und wollen nun die „Digitale Dorflinde“ in Gestalt weiterer Sende- und Empfangsstationen in die Stadt holen. Von der angeblichen Strahlengefahr ist keine Rede mehr. Wir leben in flexiblen Zeiten.