Bruchköbeler Kurier, das wollen Sie wissen.

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Versorgung der Region hat Priorität - Von Jürgen Dick

(Bruchköbel/jgd) – Die Kreiswerke sind der Wasserlieferant im Main-Kinzig-Kreis, zuständig auch für Bruchköbel. Das Wasser, das die Kreiswerke aus dem hiesigen Bruchköbel-Roßdorfer Brunnen schöpfen und in Bruchköbel verteilen, sei zu hart, wurde zuletzt kritisiert. Andere Kommunen im Umkreis kämen dagegen in den Genuss weicheren Wassers.

Könnte sich, folglich, die Stadt Bruchköbel bei anderen Lieferanten bedienen, um weicheres Wasser in die städtischen Leitungen zu bekommen? Würden andere Lieferanten als Wettbewerber gegen die Kreiswerke einspringen? Einige Aussagen der Kritiker des harten Wassers hatten den Eindruck erweckt, als sei dies möglich. Die Grünen Bruchköbel hatten zum Beispiel bereits im Oktober die Namen möglicher Lieferanten genannt, die angeblich dafür „zur Verfügung stehen“.


Die Diskussion darüber schäumte dann hoch. Die Stadt Bruchköbel könne doch weicheres Wasser zum Beispiel auch von den Maintal-Werken beziehen, statt von den Kreiswerken, hatte es geheißen. Neben den Grünen stimmten auch BBB/FDP in den Chor der Kritiker an der Stadtführung, an der Verwaltung unter dem Bürgermeister Günter Maibach ein.

Der BK geht der Bruchköbeler Wasser-Affäre seit einiger Zeit intensiv nach. Im Folgenden lesen Sie unsere neuesten Erkenntnisse dazu.

1. „Alternative Lieferanten“ sind ein Phantom
Auffällig an den Stellungnahmen der oppositionellen Parteien: Niemand zitierte bislang zustimmende Aussagen der Firmen, die doch angeblich als alternative Lieferanten „zur Verfügung stehen“.

Also hat der Bruchköbeler Kurier jetzt auf eigene Faust bei einigen dieser Versorger nachgefragt.
Die Erkenntnis aus unserer Fragerunde ist ernüchternd: Es gibt nämlich sehr wahrscheinlich keinen alternativen Wasserlieferanten, der kurz- oder mittelfristig die Lieferungen der Kreiswerke übernehmen würde.

Abteilungsleiter Werner Herber von „Hessenwasser“ brachte es zum Beispiel auf folgenden Punkt: Ja, man sei bereits direkt von den Kreiswerken angefragt worden, mit Lieferungen einzuspringen. Kurzfristig könnten aber Mengen von 500.000 m³ im Jahr nicht bereitgestellt werden (die genannte Menge gilt als nötig, um das Bruchköbeler Wasser überhaupt wirksam weicher einzustellen). Die Verfügbarkeit freier Mengen, so „Hessenwasser“, sei darüber hinaus im gesamten regionalen Leitungsverbund Rhein-Main weitgehend ausgeschöpft.

Wilfried Weber, Geschäftsführer der „Maintal-Werke“, betonte gegenüber dem BK, dass die Vorstellung eines einfachen Wechsels des Wasserlieferanten unrealistisch sei. Die einzelnen Versorger hätten untereinander Vertragsbeziehungen. So bezögen z.B. die Maintal-Werke selbst 90% ihres Wassers von Hessenwasser. Eine Umstellung der Versorgung müsse im Verbund geregelt werden. Lieferanten und betroffene Kommunen müssten dafür an einen Tisch kommen. So sei man etwa im Falle der Kommune Oberdorfelden vorgegangen - im Vergleich zu Bruchköbel allerdings ein weniger komplexer Fall. Auch sei zu beachten: Der Gesetzgeber betrachte eine hohe Wasserhärte nicht per se als negativ. Für Maschinen und Geräte sei eine hohe Wasserhärte zwar nachteilig. Für den Menschen sei sie aber wohl eher positiv zu bewerten.

Nach den Aussagen von Franz Poltrum, zuständig für ‘Wasser Planung‘ bei der „OVAG“ (Oberhessische Versorgungsbetriebe AG), sei man als zweitgrößter Wasserversorger in Hessen ein Vorlieferant für überwiegend kommunale Kunden. Die OVAG trete selbst nicht als Konzessionsnehmer auf. Dem gemäß komme die OVAG nicht als Alternative zu den Kreiswerken Main-Kinzig in Betracht. Als Vorlieferant beliefere man hingegen die Kreiswerke bereits seit mehreren Jahren. Wie das von der OVAG gelieferte Wasser im Versorgungsgebiet der Kreiswerke weiter verteilt bzw. gemischt werde, liege hingegen nicht im eigenen Verantwortungsbereich.

Fazit: Die Liefervernetzung beim Trinkwasser ist insgesamt kompliziert. Es gibt für Bruchköbel de facto keine freie Auswahl unter verschiedenen Wasserlieferanten. In der Praxis versorgen sich die Kreiswerke auch heute schon selbst bei mehreren Unterlieferanten, unterhalten entsprechende Vertragsbeziehungen. Kreiswerke-Geschäftsführer Bernd Schneider sagte zuletzt, man arbeite mit sieben solcher Vertragspartner zusammen.

2. Kritiker-Latein, oder: Die Flucht ins Akademische
Dass ein Auswechseln des Lieferanten nicht so einfach ist, wie man es den Bürgern weismachen will, dürfte man inzwischen auch beim lautstärksten Kritiker, der Bruchköbler Gruppierung BBB, erkannt haben. Dort trat man die Flucht nach vorn an: BBB-Fraktionsführer Alexander Rabold forderte in der Ausschußsitzung des Parlamentes (5.11.) nun plötzlich „eine neutrale Stellungnahme“ durch das „Institut für Wasserversorgung und Grundwasserschutz (IWAR) der TU Darmstadt“. Dort könne, so die auch in einer Pressemitteilung verkündete BBB-Idee, „in einem ersten, schnellen Verfahrensschritt“, im Rahmen einer zu vergebenden Masterarbeit, eine Analyse und Beurteilung möglicher anderer Wasserlieferanten erfolgen.

Die Vorstellung, dass sich die Bruchköbler Stadtverordneten demnächst von einem Darmstädter Studenten den „richtigen“ Wasserlieferanten empfehlen lassen sollen, mutet allerdings weltfremd an – auch vor dem Hintergrund der unter Punkt 1 geschilderten Aussagen der Wasserversorger, deren Stellungnahmen ja auch ganz ohne studentische Masterarbeit zu haben sind.

3. Rhein-Main saugt, oder: Die Risiken bei der Wasserversorgung
Es gibt auch jetzt schon gute Informationsquellen. Detaillierte Daten zur Situation und Entwicklung bei der Wasserversorgung im Rhein-Main-Gebiet liefert dazu eine fortlaufend aktualisierte Studie der Arbeitsgemeinschaft Wasserversorgung Rhein-Main. Die letzte Aktualisierung vom Juli 2016 kann auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft von jedem heruntergeladen werden („Situationsanalyse zur Wasserversorgung in der Rhein-Main-Region“, www.ag-wrm.de).

Aus dieser Studie lernt man: Die Wasserversorger der Region werden sich nicht als Konkurrenten gegeneinander ausspielen lassen. Sie müssen vielmehr auf Zusammenarbeit setzen. Sie haben nämlich ganz andere Sorgen. Sie sehen sich derzeit mit Versorgungsrisiken konfrontiert. Die Region Rhein-Main, insbesondere Frankfurt, wird in den kommenden Jahren steigende Bedarfe an Frischwasser haben, wegen des Zuzugs von Einwohnern und Firmen. Die Versorger befürchten deswegen sogar „signifikante Versorgungsdefizite und Teilausfälle bei der regionalen Wasserbeschaffung“ und „Einschränkungen der zukünftigen Entwicklung des Lebens- und Wirtschaftsraumes“.

Die „Erhaltung bzw. Stärkung der ortsnahen Wassergewinnung“ wird als Gegenmaßnahme ausdrücklich betont. Der Wunsch eines zuverlässig und ausreichend mit Wasser versorgten Bruchköbel, das über eigene Grundwasser-Entnahmestellen verfügt, nun plötzlich von außerhalb mit extra weichem Wasser versorgt zu werden – er dürfte bei den Versorgern keine hohe Priorität genießen. Zumal es für die Lieferanten überhaupt keinen gesetzlichen Auftrag dafür gibt.

4. Die schnelle Lösung dürfte teuer werden
Ein schneller Wechsel beim Wasserbezug dürfte für die Stadt teuer werden. Der direkte Anschluss an die südliche „Hessenwasser“-Leitung etwa würde die Stadt mindestens 3 Millionen Euro Investitionen kosten, bei rund 300.000 Euro jährlichen Folgekosten. So zuletzt die Aussagen im Ausschuss des Parlamentes. Und jede andere Lösung -Stichwort: chemische Entkalkung- würde nach derzeitigem Stand noch wesentlich kostspieliger ausfallen.

Wer als Politiker für diesen Weg wirbt, sollte also auch ehrlich sein. Er sollte den Bürgern sagen, was sie das kosten wird. Der direkte Weg, jährliche 300.000 Euro (oder mehr) zusätzlich hereinzubekommen, bestünde etwa in einer Erhöhung der Grundsteuern. Rein rechnerisch wäre eine jährliche Mehrbelastung um die 15 Euro pro Kopf zu erwarten, oder rund 60 Euro pro Haushalt. Ausschläge nach oben wären wahrscheinlich.

Vor dem Hintergrund bereits angekündigter Grundsteuererhöhungen wegen der neuen Innenstadt wäre das ein weiteres finanzielles „Päckchen“, das wohl nicht alle Bruchköbeler begrüßen würden.

5. Aber wie geht es jetzt weiter?
Ließe sich dennoch, wenigstens langfristig, eine bezahlbare Änderung bei der Wasserhärte bewerkstelligen?

Dies hängt aller Voraussicht nach davon ab, inwieweit die Kreiswerke technisch und kaufmännisch willens und fähig sind, das unterschiedlich harte Wasser im Main-Kinzig-Kreis „gerechter“ zu verteilen bzw. miteinander zu vermischen.

Der neue Konzessionsvertrag, den Bruchköbels Verwaltung mit den Kreiswerken schließen will, enthält immerhin eine entsprechende Willensbekundung der Kreiswerke. Beharrliches ‘am-Ball-bleiben‘ durch die Stadt Bruchköbel könnte hilfreich sein, um diese Klausel zum Leben zu erwecken. Man könnte zum Beispiel die Kreiswerke um fortlaufende Berichterstattung im Jahresrhythmus bitten. Zeitpunkte möglicher Renovierungen oder Veränderungen im Leitungsnetz könnten sich zum Beispiel als Chancen erweisen, etwas zu ändern.

Immer vorausgesetzt, dass eine Schließung der "harten" Roßdorfer Wasserquelle nicht zur Debatte steht, wird Bruchköbel "sein" hartes Wasser also irgendwann, in irgendeiner Weise, auf dem Markt unterbringen müssen, um im Gegenzug in den Genuss weicheren Wassers zu kommen. Als Partner benötigt man dazu – die Kreiswerke.

Möglicherweise hatte Kreiswerke-Chef Bernd Schneider entsprechende Gedanken im Hinterkopf, als er am 5.12. im Ausschuss der Stadt das Bemühen seiner Kreiswerke um eine Verbesserung versprach.

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16.12.17: Pkt 1. aktualisiert.