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Foto © HGON
HGON Herbstagung

(pm) - Herbsttagung der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz am Kühkopf beleuchtet das dramatische Insektensterben. Das zunächst stille Sterben der Insekten ist in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen. Zu dramatisch sind die Entwicklungen, die sich abzeichnen. Inzwischen ist auch ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es nicht nur um das Verschwinden der sechsbeinigen Kerbtiere selbst geht, sondern auch um die Konsequenzen daraus – für die Vogelwelt, das Ökosystem Natur und damit auch für den Menschen.

Aufgrund dieser immensen Bedeutung hat die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) den Insekten die diesjährige Herbsttagung gewidmet, die am 8. Oktober im Umweltbildungszentrum „Schatzinsel Kühkopf“ stattfand. Zu Beginn der Veranstaltung ernannte der HGON-Vorsitzende Oliver Conz den langjährigen Leiter des Arbeitskreises Groß-Gerau Herbert Zettl zum Ehrenmitglied der HGON. Das Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblauchsaue sei aufs Engste mit dem Namen Herbert Zett verbunden. „Seit Jahrzehnten kämpft er wie kein anderer mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und Sachverstand für die Natur in der Region“, so Conz. Der Bürgermeister von Stockstadt am Rhein, Thomas Rasche, begrüßte die Veranstaltung in seiner Gemeinde, da auch er „das Ungleichgewicht in der Natur“ deutlich wahrnimmt. Dieses angesprochene Ungleichgewicht wurde schon im ersten Vortrag der Tagung deutlich: Dr. Frank Jauker (Uni Gießen) berichtete über seine Untersuchungen zur Bestäuberökologie und bezeichnete den Zustand der Wildbienen in Hessen als „ausgesprochen besorgniserregend“. 50 % seien in ihrem Bestand gefährdet. Besonders schlecht gehe es den ohnehin seltenen Arten, die naturnahe Lebensräume benötigen. Von diesen aber finden sich in unseren modernen Landschaften immer weniger. Positiv konnte Jauker vermelden, dass die dominanten Arten, welche einen Großteil der Bestäuberleistung erbringen, von sogenannten „Agrarumweltmaßnahmen“ wie dem Anlegen von Blühstreifen an Ackerrändern profitieren. Auf eine besonders wertvolle Untersuchungsreihe kann Dr. Jan Christian Habel zugreifen, der Aufzeichnungen zu Schmetterlingen aus zwei Jahrhunderten auswertete. Hierbei zeichnete sich eine „deutliche Reduktion der Gesamtartenzahl auf der Fläche“ ab. Dieser Rückgang habe sich in den letzten 30 Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit entwickelt. Ähnlich wie auch Jauker in Bezug auf Wildbienen konnte Habel die „Habitatspezialisten“ als besondere Verlierer ausmachen. Als Beispiel nannte er die Tagfalterarten der Magerrasen. Anders als der Name vermuten lässt, sind Magerrasen nicht mager, sondern zählen zu den artenreichsten Pflanzengesellschaften Mitteleuropas. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts verschwinden Magerrasen immer mehr, Gründe sind zunehmende Verbuschung, Stickstoffeintrag und Pestizidbelastung.

Auch Viktoria Mader (Uni Würzburg) konnte in ihren Studien feststellen, dass naturnahe Habitate am besten geeignet sind, die Artenvielfalt zu erhalten. Die Biologin forscht intensiv zu Laufkäfern und Spinnen. Die Käferarten des Waldes sind Forschungsobjekte von Dr. Simon Thorn (Uni Würzburg). Er berichtete, dass auch im Wald strukturreiche, naturnahe Flächen mit Totholz, verschiedenen Baumarten und Wuchshöhen und wenig Eingriff durch den Menschen die größte Artenvielfalt beherbergen. „Der helle Wahnsinn im wahrsten Sinne des Wortes“ ist die immer stärker zunehmende Lichtverschmutzung mit fatalen Auswirkungen auf Flora und Fauna. Sabine Frank vom Sternenpark Rhön zeigte an einer Lampen-Wand positive wie negative Beispielen von Lichtnutzung. Mit dem „Netzwerk Heuschrecken“ möchte die HGON in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie den hessenweiten Bestand der Heuschrecken- Arten erfassen. Dahinter steht die Untersuchung einer „weniger mobilen Tiergruppe“, wie Stefan Stübing (HGON) erläuterte. Es gehe um Fragen wie, ob Heuschrecken beispielsweise Gewässer überwinden können. Alle Interessierten sind aufgerufen, sich an der Sammlung von Heuschrecken- Beobachtungen zu beteiligen. Wie Stübing erläuterte, können auch Laien mitmachen, indem sie ihr Handy zücken, ein Foto machen und dieses an die HGON-Geschäftsstelle in Echzell schicken. Bei den bisher gemeldeten Sichtungen hat Stübing vor allem die Verbreitung der Gottesanbeterin überrascht, von der bis Sommer 2017 nur zwei Vorkommen im Raum Südhessen bekannt waren. Nun habe sich gezeigt, dass sie bis nach Hanau, Bad Vilbel und Kronberg im Taunus vorgedrungen ist. Bestandsrückgängige Heuschrecken sind dagegen, wie schon bei den Wildbienen und Schmetterlingen, vorrangig die Arten der Agrarlandschaft. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Insektensterben durch verschiedene Studien belegt werden konnte. Einer der Hauptgründe dafür ist die intensive Landwirtschaft mit ausgeräumten Äckern und Feldern. Betroffen sind vor allem seltene Arten, die auf bestimmte Lebensräume spezialisiert sind. Für unser Ökosystem jedoch ist gerade die Vielfalt der Arten, die Biodiversität, von großer Bedeutung. Strukturreiche, mannigfaltige Lebensräume bieten hierfür die besten Voraussetzungen. Wie die Konsequenzen einer zunehmenden Homogenisierung aussehen, kann niemand voraussagen. Doch in einem Ökosystem hat jedes Element seine Funktion und Bedeutung. Daher sollte der Erhalt der Artenvielfalt im Naturschutz weiterhin Priorität haben. Bereits am Vortag der Tagung hatte die HGON Mitglieder und Interessierte zu einer Exkursion ins NSG Kühkopf-Knoblochsaue eingeladen. Kühkopf-Experte Herbert Zettl führte gemeinsam mit Ralph Baumgärtel vom Umweltbildungszentrum "Schatzinsel Kühkopf" und Wolfgang Mayer von der Beobachtergruppe Kühkopf auf zwei Wanderungen durch das Naturschutzgebiet. Zettls Ziel dabei: Ein Gebiet zu zeigen, „in dem sich durch Unterschutzstellung erstaunlich viel geändert hat.“ Von diesen Veränderungen konnten sich rund 50 Teilnehmer im Lebensraum von Arten wie Rotmilan, Eisvogel, Schwarzspecht, Silberreiher oder Europäischer Sumpfschildkröte überzeugen.

Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V. (HGON) – Aktiv für mehr Natur in Hessen
Wanderfalke, Biber und Mausohrfledermaus, aber auch viele andere seltene Tierarten verdanken ihr Überleben in Hessen der HGON. Der Schutz von Auenlandschaften, Sanddünen, Trockenrasen, Naturwäldern und Streuobstwiesen
vor unserer Haustür geht in den meisten Fällen auf die Vorarbeiten der HGON zurück. Seit mehr als 50 Jahren ist sie zur Stelle, wenn Natur in Gefahr gerät. Und schaut voraus: mit alljährlichen Volkszählungen unter Hessens Vögeln und zahlreichen Forschungsprogrammen zur Lebensweise und Gefährdung seltener Arten.