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Das Für und Wider in Zahlen – Von Jürgen Dick

(Bruchköbel/jgd) - Die zu erwartenden Kosten des Projekts „Neue Mitte“ hatten über die Jahreswende hinweg heftige Diskussionen ausgelöst. Fast 26 Millionen Euro, die im November genannt worden waren, hatten zu umfangreichen Fragenkatalogen aus den Parteien geführt: Was es denn damit auf sich habe, und was denn die Folgen für den Haushalt der Stadt sein würden. Es war sogar die Frage aufgekommen, wie denn dann die finanzielle Belastung in 30 Jahren aussehen werde – obwohl gerade diese Frage recht einfach zu beantworten ist:

In 30 Jahren werden die Schulden für die „Neue Mitte“ sehr wahrscheinlich Geschichte sein. Denn ein verbindliches Enddatum für die Tilgung gilt nämlich als Voraussetzung dafür, dass die staatlichen Kontrolleure von der Kommunalaufsicht die Finanzierung des Projektes überhaupt genehmigen.

Um die vielen kritischen Fragen aus der Politik zu beantworten, hatte die Stadtspitze in der vergangenen Woche erneut einen Kostenexperten der Wirtschaftsprüfkanzlei „Schüllermann“ aus Dreieich zum Vortrag gebeten. Fachmann Felix Preuss gab den Stadtverordneten wie auch dem Publikum im Saal mit vielen Zahlen und Grafiken Erläuterungen zu den Belastungen, die die Stadt Bruchköbel in den kommenden Jahren zu erwarten hat. In der Sitzung wurde er dafür aus den Reihen der Opposition durchaus polemisch angegangen („Zahlenspielereien“, schimpfte es etwa aus den Reihen des BBB). Unhöflichkeiten, die heutzutage offenbar in einem Bruchköbeler Parlament zum „guten Ton“ gehören. Die jedoch der Arbeit des Mannes Unrecht taten. Denn die trockenen Zahlen und Grafiken, die Preuss präsentierte, lieferten interessante Informationen und werden sicherlich Entscheidungsgrundlage bei dem Projekt und auch für künftige Haushalte sein. Der BK versucht daher eine verständliche Zusammenfassung:

Es wird teuer – so oder so
Die Berechnungen des Zahlenexperten brachten zwei Grundaussagen. Erstens: Ja, die „Neue Mitte“ wird den Haushalt der Stadt auf lange Zeit belasten. Umgelegt auf die einzelnen Jahre, ergibt sich nach Abschluss aller Baumaßnahmen für das jährliche Ergebnis der Stadt ungefähr eine Belastung von jährlich 1,5 Millionen Euro. Darin eingerechnet sind als wesentliche Kostenblöcke die Zinsen und die Abschreibungskosten (je etwa 500-600.000 Euro) sowie eine Instandhaltungsrücklage (knapp 400.000 Euro), die man als Sicherheit für den Werterhalt des Gebäudes ansparen muss. Zweitens: Lässt man das Projekt sein, wird es allerdings ebenfalls teuer. Denn wenn statt des Neubaus dann eben die alten Gebäude (Rathaus, Parkdeck, Seniorenzentrum, Bürgerhaus) nach und nach saniert werden müssen, entsteht ebenfalls eine jährliche Gesamtbelastung von über 1,1 Millionen Euro für das Ergebnis der Stadt. Auch hier werden dann Zinsen und Abschreibung über Jahrzehnte hinweg zu Buche schlagen. Und weil die Sätze für Bankkredite und Abschreibungen bekannt sind, dürfen diese Zahlen als relativ sicher gelten – jedenfalls auf Basis der heute bekannten Baukosten.

Die Zahlen zeigen auch: Baut man das Gebäude „billiger“, zum Beispiel etwas kleiner, oder mit preiswerterer Ausstattung, dann dürfte die jährlich Belastung bestenfalls irgendwo in der Mitte zwischen den beiden oben genannten Zahlen herauskommen. Finanzmensch Preuss benannte darüber hinaus noch ein Risiko, wenn man „nur“ saniert, anstatt neu zu bauen: Sanierungen sind nach seiner Aussage nicht so dauerhaft wie ein Neubau. Die Totalsanierung eines Neubaues sieht er nach 30 Jahren als notwendig an, während die Sanierung eines Altbaues nur für 20 ruhige Jahre „gut“ sei. Dann würden wieder neue Sanierungen und Modernisierungen fällig, mit der Folge zusätzlicher Aufwendungen. In der Tendenz werde der Betrieb eines alten Zweckgebäudes über die lange Zeitdistanz also immer teurer.

Vorteile und Risiken
Zwar würden die reinen Zinskosten bei einer fortlaufenden Sanierung der heutigen Gebäude niedriger ausfallen, so Preuss. In 30 Jahren Laufzeit könne die Stadt somit rund 7 Millionen Euro an Zinsen einsparen. Allerdings würden die Abschreibungen im Fall der Sanierung gegenüber dem Neubau weiter steigen – hierbei läge dann wieder der Neubau im Vorteil, im Lauf von 30 Jahren mit rund 4 Millionen Euro besser als bei der Sanierung der alten Gebäude. Hinzu kämen Einsparungen bei den Energiekosten (1 Million) sowie Einnahmen aus Nutzungsgebühren des neuen Stadthauses und der Tiefgarage (knapp 3 Millionen).

Insgesamt resümierte es der Finanzfachmann so: Nach 30 Jahren hätte die Stadt für Kosten und Tilgung unter dem Strich für den Neubau ähnlich viel Geld ausgegeben wie für die Sanierung der heute bestehenden Gebäude. Der „Mehraufwand“ für den Betrieb des neuen Gebäudes läge dabei durchaus etwas höher: Nach 30 Jahren wäre es unterm Strich 36 Millionen beim Neubau, 32 Millionen beim sanierten Altbestand. Der Betrieb und der fortlaufende Sanierungsbedarf alter Gebäude, so die Botschaft, sei auf lange Sicht also keineswegs dramatisch billiger. Beispielsweise kostet die Stadt alleine der Betrieb des heutigen Bürgerhauses runde 300.000 Euro im Jahr – diese Zahl wurde bei der Sitzung genannt und ist auch in den Haushaltsplänen der letzten Jahre verbrieft.

Der Vortrag des Finanzexperten war insoweit deutlich. Er beschönigte die Kosten der Maßnahme „Neue Mitte“ nicht. Man könnte dem Mann von Schüllermann letztlich sogar vorwerfen, dass er die zu erwartenden Belastungen einer „Neuen Mitte“ übertrieben hat. Denn er hat an jenem Abend nicht dargestellt, dass die zukünftige Belastung für die „Neue Mitte“ jedes Jahr etwas weniger „drücken“ wird. Unter der Annahme nämlich, dass die jährliche Haushaltssumme der Stadt in ähnlicher Weise weiter steigt (wie in den Jahren zuvor zum Beispiel um konservative 2%), würde die Haushaltssumme von heute 45 Millionen Euro nach 30 Jahren die 80-Millionen Marke knacken. Gleich gebliebene 1,5 Millionen Euro jährliche Belastungen werden die Stadt dann aber weit weniger drücken, als sie es heute bei „nur“ 45 Millionen Euro tun. Ein Indiz, dass diese Annahme etwas für sich hat: Auch der Aufwand für die „Neue Mitte 1“ im Jahr 1972 war schon wenige Jahre später kein Thema mehr in den Haushaltsdiskussionen. Nur rund 10 Jahre später ging man sogar bereits schon wieder die nächste Innenstadtsanierung in der Kernstadt an („Freier Platz“, Heeggraben“). Über die damaligen Aufwendungen spricht schon lange kein Mensch mehr.