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Baugenossenschaft Statistik

Prekäre Situation für kleine Geldbeutel  - Von Jürgen Dick

(Bruchköbel/jgd) – Steigende Mietpreise lassen auch in Bruchköbel die Rufe nach dem Bau erschwinglicher Wohnungen lauter werden. Die Bruchköbeler Politik stellte sich diesem Thema inzwischen - zumindest schriftlich: CDU/SPD und BBB hatten dazu im Frühjahr Anträge im Stadtparlament eingebracht. Tenor: Die Stadtverwaltung solle klären, auf welchen noch vorhandenen Flächen soziale Bauvorhaben möglich wären. Allerdings sind derartige Flächen gar kein Geheimnis. Die vor rund zehn Jahren durch den Planungsverband Rhein-Main erlaubten Bruchköbeler Wohnbauflächen kann sich jedermann im Internet selbst ansehen.

Dafür braucht es eigentlich keine extra-Anfragen an die Stadtverwaltung. Der Blick auf die Karte zeigt denn auch die eigentliche Crux: Es gibt in Bruchköbel schlichtweg nicht mehr viele Grundstücke, die sich für größere Sozialwohnbauprojekte eignen würden. Und die Parteien sind hieran selbst nicht ganz unschuldig. Bindwiesen, Peller, Niederissigheim: In der Vergangenheit stimmten sie vorrangig der Erschließung von Baugebieten für privaten Hausbau und Investorenbau zu.

Starke Mietanstiege bei Neuverträgen
Wie stellt sich die aktuelle Situation für Wohnungssuchende dar, zumal solche mit schmalem Budget? Gemäß dem neuen 2017er Mietspiegel für Hanau und Umgebung sind die Mieten für Wohnungen in Häusern ab Baujahr 1991 seit 2013 um rund 8% gestiegen. Für Wohnungen in älteren Häusern (ab Baujahr 1965) stiegen die Mieten sogar noch stärker, um bis zu 10%. Offizielle Mietspiegel liefern aber bloß die Durchschnittswerte derzeit gezahlter Mieten; auch relativ preiswerte Altverträge sind eingerechnet. Heutige Wohnungssuchende beklagen aber besonders hohe Anstiege speziell bei den Neuverträgen, bei Neubauten, nach Renovierungen. In den sozialen Netzwerken sind immer wieder Klagen darüber zu lesen. Dass da etwas dran ist, lässt sich aus den Mietstatistiken erkennen, welche die Immobilienportale im Internet veröffentlichen. Diese werten aktuelle Angebote aus, die auf deren Seiten inseriert werden. Gibt etwa der offizielle Mietspiegel für kleine oder mittlere Wohnungen Preise zwischen 6 und 8  Euro/qm an, so finden sich in den Statistiken der Portale Preise von über 8 bis nahe 10 Euro/qm. Anhaltender Zuzugsdruck und ein verändertes Wohnverhalten mit mehr Singlehaushalten sind wohl einige der Ursachen.

Sozialwohnbau seit 2000 „out“
Bruchköbels Politik und Verwaltung waren auf die Entwicklung wenig vorbereitet. Unsere Grafik zeigt: Zwar verfügt Bruchköbel über ein Kontingent von rund 480 erschwinglichen Wohnungen, immerhin. Diese wurden bis in die 90er Jahre von der hiesigen Baugenossenschaft errichtet. Sie bilden eine gute Basis für das Angebot preiswerten Wohnraums, besser als in manch anderer Gemeinde. Die andere Botschaft aus unserer Grafik aber lautet auch: Sozial orientierter Mietwohnungsbau, wie ihn die Baugenossenschaft über Jahrzehnte hinweg betrieb, ist seit Anfang der 2000er Jahre „out“. Ein Phänomen, das sich nicht nur in Bruchköbel beobachten lässt. Kommunen kamen in den letzten Jahren wegen steigender Schulden stark unter Druck. Neue Grundstücke verkaufen sie daher lieber gewinnbringend, statt sie etwa im Erbbaurecht für den sozialen Wohnungsbau bereitzustellen.

Welche Möglichkeiten gäbe es also, kurzfristig auch für kleinere Geldbeutel erschwinglichen Wohnraum zu schaffen? Die Stadt könnte wie erwähnt Grundstücke im Erbbaurecht zur Verfügung stellen. Dann könnte die Baugenossenschaft wieder mit Projekten antreten, und in diese Richtung zielen auch die Anträge der Parteien. Allerdings ist es  -siehe oben-  um passende Grundstücke derzeit dünn bestellt. Letzte größere Flächen in den Plänen sind zudem in Privathand, sie stehen nur theoretisch zur Verfügung. Mehr als eine niedrige zweistellige Zahl an Wohnungen dürfte so kurzfristig nicht erreichbar sein. Neue Flächen wären möglicherweise in den Verhandlungen im Planungsverband für die Zeit ab 2020 herauszuhandeln – bis zum Bau von Wohnungen gehen dann aber noch weitere Jahre ins Land. Die Stadt könnte noch an anderer Stelle etwas Druck aus dem Kessel nehmen, indem sie etwa die Bebauungspläne für die Besitzer größerer Grundstücke großzügiger auslegt – Stichwort verdichtete Bebauung. In Anbauten, ausgebauten Dächern und rückwärtigen Zweithäusern wird oftmals Platz für Familienmitglieder und junge Starterfamilien geschaffen - welche somit den freien Mietwohnungsmarkt entlasten.

Für ein nachhaltiges Programm des sozialen Wohnungsbaues, das über Flickwerk hinausgeht, wäre allerdings die große Politik gefragt. Weniger betuchte Menschen wie auch die jungen „Starter“, die erstmals eine eigene Wohnung beziehen wollen, müssen sich derzeit alleine gelassen fühlen. Zuschussprogramme an Kommunen, Liberalisierung bei den Bauvorschriften, und eine systematische Wiederankurbelung des Sozialwohnungsbaues müssten eigentlich auf der Tagesordnung stehen.