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Kashif Muhammad aus Pakistan trägt einen Blaurock

(Bruchköbel/pm) - Kashif Muhammad aus Pakistan trägt einen Blaurock – Doch der Weg zum Feuerwehrmann ist weit. Die Feuerwehr Bruchköbel hat jetzt eine besondere Auszeichnung erhalten: Für die Aufnahme eines Flüchtlings aus Pakistan erhielten die Bruchköbeler einen von der hessischen Landesregierung und vom Landesfeuerwehrverband vergebenen Sonderpreis im Rahmen der Kampagne „Integrationspreis Brandschutz“. Das Wort Atemschutzmaske gehört nicht gerade zum Grundvokabular, das ein Flüchtlinge nach einem Jahr in Deutschland unbedingt beherrschen sollte. Doch Kashif Muhammad geht der Begriff schon recht unfallfrei über die Lippen.

Kein Wunder. Er hat ihn ja auch schon häufig gehört und auch schon sagen müssen. Muhammad ist Feuerwehrmann bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bruchköbel. Seit Februar 2015 gehört der Übungsabend der Einsatzgruppe am Montagabend zu den festen Terminen des 29-jährigen Pakistanis. Dass er sich einmal einen Blaurock überstreifen und lernen würde, wie ein Wasserschlauch korrekt aufgerollt wird, das hätte sich der junge Elektroingenieur aus Lahore vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Muhammad gehörte zu den ersten Flüchtlingen, die im Herbst 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, nach Bruchköbel kamen. Mit dem Bus, der Bahn und auch über weite Strecken zu Fuß führte seine Flucht über die berüchtigte Balkanroute. Aus religiösen und politischen Gründen habe er sein Land verlassen müssen, sagt er. Die ersten Wochen verbrachte er damals in der zur Notunterkunft umfunktionierte Mehrzweckhalle in Roßdorf, wo er Kontakt zur Familie Lauterbach und somit auch zur Feuerwehr knüpfte. Denn Klaus Lauterbach ist der Stadtbrandinspektor in Bruchköbel, quasi der oberste Feuerwehrmann in der Stadt. „Ich habe gleich Gefallen an der Feuerwehr gefunden“, erzählt Muhammad in mittlerweile sehr gutem Deutsch. Wenngleich ihm die Idee, dass Menschen diesen höchst anspruchsvollen Dienst in ihrer Freizeit und völlig unentgeltlich machen, zunächst doch sehr sonderbar, irgendwie typisch deutsch, vorkam. Für seine Kameraden war seine Anwesenheit eine willkommene Abwechslung, aber auch nicht immer ganz einfach. Denn die die Ausbildung zum Feuerwehrmann ist komplex. Sprachliche Probleme bilden dabei eine weitere Hürde. „Wir haben dann den Entschluss gefasst, einen neuen Quereinsteigerkurs einzurichten, für alle, die innerhalb von kürzester Zeit zum Feuerwehrmann ausgebildet werden wollen“, erzählt Dirk Rui, der Projektleiter innerhalb der Wehr. Es gab ohnehin eine Liste von Interessenten. So wurde der Pakistani kurzerhand mit den deutschen Feuerwehrneulingen zusammen in einen Kurs gesteckt. Von Februar bis zu den Sommerferien dauerte der Schnupperkurs, bei dem sich die Quereinsteiger mächtig ins Zeug legen mussten. Allen voran Muhammad habe wegen der sprachlichen Barrieren großes Durchhaltevermögen bewiesen, bilanziert Rui zufrieden. Muhammad und die restlichen Quereinsteiger haben das Wissen, das ein Feuerwehrmann eigentlich von Kindesbeinen über viele Jahre hinweg vermittelt bekommt, innerhalb von einigen Monaten im Schnelldurchgang aufgesogen – zumindest das Grundwissen. Muhammad kennt nun die Eigenschaften eines Gerätehauses, die Schutzausrüstung, alle Fahr- und Werkzeuge und die wichtigsten Techniken der Feuerwehr. Bei Einsätzen freilich darf der Pakistani nicht mit im Wagen sitzen, dafür fehlt ihm noch ein 70-stündiger Grundlehrgang. „Allein würde ich ihn da jetzt noch nicht hinschicken wollen“, weiß Rui um die Schwierigkeiten, die die großenteils theoretische Ausbildung für einen Deutschanfänger mit sich bringt. Für Muhammad ist dieser Grundlehrgang jedoch ein Ziel, wenngleich zunächst einmal ein zweitrangiges. Denn zunächst muss er seinen Aufenthaltsstatus klären. Sein erstes Asylbegehren wurde abgelehnt, wie bei den meisten Pakistanern. Bei der Frage nach Asyl steht die Frage im Vordergrund, ob jemand schutzbedürftig ist und nicht, ob er willens ist, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Im Fall von Pakistan wird diese Schutzbedürftigkeit von der Bundesregierung angezweifelt. Integrationswillen hat Muhammad bewiesen. „Mir macht die Arbeit bei der Feuerwehr Spaß, aber sie bietet mir auch die Gelegenheit, etwas für die Bruchköbeler zu tun“, die ihn so freundlich aufgenommen hätten, sagt er. Und dann zählt er eine Reihe von Menschen auf, meist Flüchtlingshelfer. Das seien alles gute Leute, denen er viel zu verdanken habe. Und die ihm auch jetzt dabei behilflich sein wollen, einen Ausbildungsplatz zu finden, um der drohenden Abschiebung zu entgehen. Obwohl er eine Ausbildung zum Elektroingenieur in der Tasche hat, ist Muhammad bereit, in Deutschland ganz neu zu beginnen. Beworben hat er sich unter anderem als Industriemechaniker, Maschinen- und Anlagenführer sowie Industriekaufmann – immer mit Empfehlung der Feuerwehr. Bisher noch ohne Erfolg. Doch die Kameraden der Wehr wollen nicht aufgeben. Rui: „So einen wie Kashif können wir bei uns dringend gebrauchen. Den können wir nicht einfach wieder gehen lassen.“